Amical Alpin Expedition 2006 zu Gasherbrum II und IV - 1. Expeditionsbericht 11. - 25.06.2006

Bürokraten, Busfahrer, Bergsteiger

11. Juni 2006

Endlich geht es los. Wir sitzen im Flugzeug nach Pakistan, vor uns liegen zwei Monate Abenteuer im Karakorum-Gebirge. Die Bergkette im Norden Pakistans bildet den westlichen Teil des Himalaja-Hauptkamms. In dem Grenzgebirge zu China und Indien stehen vier Berge über 8000 Meter Höhe. Darunter der berühmt-berüchtigte K2, mit 8611 Meter zweithöchster Berg der Erde, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Gasherbrums II und IV befindet. Gasherbrum bedeutet in der Sprache der einheimischen Balti „Leuchtender Berg“. Im Sonnenuntergang macht der Gasherbrum IV seinem Namen wirklich alle Ehre. David Göttler und ich – Michi Wärthl – werden zunächst versuchen, eine Gruppe von 14 Personen auf den Gasherbrum II (8035 m) zu führen. Im Anschluss daran werden wir uns zu zweit und im Alpinstil an den erst fünf Mal bestiegenen Gasherbrum IV (7925 m) wagen. Doch das hat noch Zeit.

14. Juni 2006

Zwei Tagen verbrachten wir in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Die letzten lästigen Formalitäten wollten erledigt werden, und nach etlichen Wirren um Bürokratie und Bakschisch hatten wir unser Gipfelpermit in der Hand. Jetzt sitzen wir in einem Bus, der uns über den Karakorum Highway nach Chilas hinaufbringt. Für 450 Kilometer Strecke brauchen wir 15 Stunden. Nachdem unser Helldriver sich einbildet, an einer absolut uneinsichtigen Stelle überholen zu müssen, entgehen wir nur haarscharf dem Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden Bus. Nur wenige Kilometer weiter liegt ein anderer Bus im Straßengraben: Dessen Fahrer hatte es nicht mehr geschafft. Als auf den letzten Kilometern die Bremsen zu rauchen anfangen, freuen wir uns alle auf ein Bett. Gerade liegen gegen Rückenschmerzen. Leider steht uns morgen noch so ein Tag bevor.

15. Juni 2006

Skardu. Endlich aus dem Bus raus. Zehn Stunden waren wir heute unterwegs. Die Straße wurde noch schlechter und gefährlicher. Zum Glück hatte unser Fahrer heute einen guten Tag.

16. Juni 2006

Heute ist für David und mich großes Umpacken angesagt: Kein Gepäckstück darf mehr als 25 Kilo wiegen, denn jeder Träger trägt genau so viel den Baltorgletscher hinauf. Fast den ganzen Tag sind wir damit beschäftigt, alle 56 Lasten herzurichten. Dazu kommen nochmals 40 Lasten an Essen und Küchenausrüstung, die unsere Küchenmannschaft zusammengestellt hat. Morgen werden wir – nach einer Jeepfahrt – mit 180 Trägern vom Ende der Straße in Askole Richtung Bascamp starten.

17. Juni 2006

Als wir in die Jeeps steigen, denke ich noch, wunderbar, endlich nah am Geschehen. Keine Fenster, kein unnötiges Blech, nur ein wenig Plane zwischen uns und der Natur. Aber denkste. Nach wenigen Kilometern ist die Straße nicht mehr asphaltiert. Rings um uns herum ist nur noch Staub. Unser Fahrer meditiert die zahllosen Schlaglöcher mühelos hinweg. Und in den fünf anderen Jeeps geht es nicht anders zu. „Inschallah“ kommen wir alle gut in Askole an. Ich frag mich bloß, ob mein Kopfweh von den Schlaglöchern, dem Staub, der Sonne oder der kontinuierlich übersteuerten Musik des Fahrers kommt.

18. – 24. Juni 2006

In dieser Woche heißt es früh aufstehen und viel gehen. Wie immer tut es gut, sich endlich per pedes den Bergen zu nähern. Die Landschaft ist gewaltig. Eine Bergberühmtheit steht hier an der anderen. Wir wandern in einer Wüste aus Staub, Fels und Eis, immerzu begleitet von den tobenden Wogen des Braldo-Flusses. Die Tagesetappen enden anfangs noch in grünen Oasen wie Piju oder Urdukas. Die letzen Schlafplätze auf dem Weg zum Basislager liegen dann schon auf dem Gletscher, wir bekommen einen Vorgeschmack auf die nächsten sechs Wochen. Leben in einer Landschaft, in der kein Grün mehr zu sehen ist, kein Braun, nur grauer Fels und weißes Eis.

Am 24. Juni erreichen wir unser Basislager (BL). Der Platz am Fuß des Gasherbrum II (GII) auf etwa 5050 Meter ruft nicht wirklich Freudenausbrüche hervor. Eis, Fels, Reste anderer Expeditionen – aber kaum eine gerade Fläche für Zelte. Aber hier sind wir nun mal. Und sobald wir anfangen, unsere Zeltplattformen aus dem Eis zu hacken und mit Steinen zu befestigen, fühlen wir uns ein wenig wohler und heimeliger. Großartig ist die Teamleistung beim Aufbau unseres Monster-Mountain-Hardware-Domes. Innerhalb weniger Stunden ist eine 25 Quadratmeter große Plattform geebnet, eine Stunde später richten wir unser Wohnzimmer ein. Home sweet home.

25. Juni 2006

Heute verbringen wir noch einen gemütlichen Tag im BL, verteilen Hochlageressen und Ausrüstung an die Teilnehmer. Wir bereiten Seile, Firnanker und Eisschrauben für die weiteren Etappen am Berg vor. Dann besprechen wir uns mit den anderen Expeditionen, die schon vor Ort sind. Insgesamt werden 22 Expeditionen im BL erwartet! Ein ganz schöner Auflauf. Aber heuer jährt sich die Erstbesteigung (7. Juli 1956 durch die Österreicher Josef Larch, Fritz Moravec, Johann Willenpart) des GII zum 50. Mal, da wollen eben alle da sein. Ich bin gespannt auf den Rummel, den wir hier doch alle so gar nicht gerne haben wollen. Michi und ich hoffen auf eine gute Zusammenarbeit mit den anderen Expeditionen und auf eine Zeit ohne große Reibereien. In den nächsten Tagen werden wir unser Lager I in einem gewaltigen Gletscherkessel unterhalb der Gasherbrums I–IV – insgesamt besteht die Gasherbrum-Gruppe aus acht Gipfeln – einrichten.

Michi Wärthl und David Göttler